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Biedermann und die Brandstifter 2.0

Die Rolle des „Dr. phil.“ oder ein Philosoph von Sinnen

Ein Lehrstück ohne Lehre lautete der Untertitel von Max Frischs berühmter Tragikomödie „Biedermann und die Brandstifter“ aus dem Jahr 1953. Wie wahr, muss man sich sagen in einer Zeit, wo in Deutschland Politiker  auftreten und als ultima ratio den Schusswaffengebrauch beim illegalen Grenzübertritt von Flüchtlingen fordern. Und das mit der Erfahrung des Schusswaffengebrauchs an der Grenze der Deutschen Demokratischen Republik bis 1989. Diese Forderung der AfD-Politikerinnen Frauke Petry und Beatrix von Storch wurde aufgestellt, um Aufmerksamkeit in dem Teil der deutschen Öffentlichkeit zu erheischen, der der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisch gegenüber steht.

Brandstiftung ist aber überall. Ich komme nicht umhin, nun einmal die Rolle der Medien am Beispiel der Online-Ausgabe der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ und ihres Kolumnisten Dr.phil. Wolfram Eilenberger aufzugreifen. Eilenberger veröffentlichte kurz nach dem Gewinn der Europameisterschaft über die deutsche Handballnationalmannschaft einen Artikel mit der Überschrift „Die Alternative für Deutschland“, in dem er mit dem Satz „Wenn Fussball Merkel ist, dann ist Handball Petry“ eine ganze Sportart und ihre Aktiven in die politisch rechte Ecke rückte. Als Beweis galt Eilenberger, dass im deutschen Europameisterteam kein einziger Spieler mit Migrationshintergrund vertreten sei. Diese Mannschaft würde blutnah und widerständig eine kartoffeldeutsche Sehnsucht bedienen. Schlecht informiert fielen bei ihm eingebürgerte Nationalspieler des letzten Jahrzehnts wie Oleg Velyky und Andre Klimovets genauso unter den Tisch, wie der Hinweis, dass es im Amateurhandball sehr wohl Spieler mit Migrationshintergrund gibt. Aufgrund der Tatsache, dass Handball aber eine typisch deutsche, vor allem in Europa verbreitete Sportart ist, sicherlich mit einem geringen Verbreitungsgrad unter Migranten.

Diese Art von Vorwürfen sind Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker des rechten Lagers, die überall die „von links“ geforderte Überfremdung der Bundesrepublik wittern. Eilenberger liefert – ob bewußt oder unbewußt – nur um der Quote seines Onlinemagazins willen, zumindest mit seinen undifferenzierten Vorwürfen seinen Anteil für das Zündmaterial zum Brand in unserer Gesellschaft . Übrigens ganz im Stile der Figur des „Dr.phil.“ im Biedermann von Max Frisch. Frischs Kunstfigur ist der geistige Wegbereiter für die Brandstifter „Schmitz“ und „Eisenring“, der Doktor der Philosophie Wolfram Eilenberger füllt diese Rolle in der Realität perfekt aus. Ein „Philosoph von Sinnen“ sozusagen.

Jörg Zehrfeld